Erfahrungsberichte

Erster Tag

Als ich aus dem Taxi stieg, trat ich in eine Hitze, als stände ich neben den Fliesen eines bullernden Kachelofen. Trockene, stehende Luft. Gar nicht so schlimm wie erwartet, dachte ich, während ich meinen Rucksack schulterte, um mich auf den Weg zum Valley of Peace zu machen. Gerade hatte ich ein Hotel in Wadi Musa verlassen, wo ich zwei Wochen lang als Freiwillige mitgeholfen hatte.

“Du willst zur King Hussein Bridge und in der Gegend zwei Wochen bleiben? Auf einer Dattel Farm helfen? Jetzt im August? Du bist ja verrückt! Zwei Tage wirst du es da aushalten, dann rufst du verzweifelt an und willst wieder zurück zu uns, in Räume mit Air Conditioner.”, hatten mir die Mitarbeitenden gesagt.
Daraufhin war ich überzeugter als vorher, dass ich gehen würde.

Und hier war ich nun und wusste, dass die Farm 300 Meter Richtung Osten lag. Nur, was bedeutete das jetzt? Rechts oder links?
Mit meinen trotz zwei Jahren Studiums eher geringen Arabischkenntnissen fragte ich und stiftete größte Verwirrung.
“Wohin wilst du? Nach Amman! Nach Wadi Musa! Weder noch? Hier bleiben? Wirklich_ Aber wo denn? Peace Valley? Wovon redest du?”
“Osten!” , wiederholte ich langsam verzeifelt, “sagt mir doch einfach wo Osten ist!”
Endlich hatte  ich die gewünschte Auskunft erhalten,  lief mit Blick auf die King Hussein Bridge links und sah bald das heißersehnte Schild zum Valley of Peace.

Schon nach wenigen Schritten durch das Tor kam mir Mohammads Neffe entgegen, der mich freundlich begrüßte und meinen Rucksack schulterte, während wir weiter der unbefestigten Straße folgten. Mohammad kam uns entgegengefahren. Nun wurden mein Rucksack und ich ins Auto verfrachtet und wir fuhren die wenigen Meter bis zum “Sharing Tree”, einem schattenspendenden Baum, unter dem eine Reihe wettergegerbter Stühle in einem Kreis aufgestelllt sind. Dor ließen wir uns erst einmal nieder. Nicht lange, bis sich uns eine ganze Gruppe Männer anschloss und die Gesprächssprache zu Arabisch wechselte. Das einzige, was ich verstand, waren die Zahlen, die hin und her geworfen wurden. Ich nutzte die Gelegenheit, nach oben zu gehen und Nir, den anderen Freiwilligen, kennenzulernen. Er war gerade damit beschäftigt, ein Video von Andreas Konzert zu schneiden (siehe ältere Blogeinträge) und erklärte mir, dass es auch bei ihm ein paar Tage gedauert hatte, er jetzt aber an die Hitze gewöhnt war.

Als wir uns Mohammad und den anderen wieder anschlossen, lächelte er mich an und sagte:
“Dein Kommen war ein gutes Omen. Gerade habe ich die meisten meiner Datteln verkauft, was im August nicht einfach ist. Es ist Hochsaison und der Markt wird mit Datteln überschwemmt.”

Wir schauten zu, wie der Ammaner Geschäftsmann und seine Mitarbeitenden an die Arbeit gingen, Mit welcher Geschwindigkeit sie

die Dattelbündel von den Bäumen holten, war atemberaubend. In drei Tagen wollten sie mit allen 193 Bäumen fertig sein, die Früchte sollten in einem Ammaner Supermarkt verkauft werden.

Am Abend kam ein Freund von Mohammad vorbei. Wir saßen auf dem Hausdach. Die Lichter Jerichos und Jerusalems leuchteten am Horizont, als mir auffiel, dass hier eine Deutsche, ein Israeli, ein Palästinenser und ein Beduine zusammensaßen. Konflikte der Gegenwart und der Vergangenheit waren für den Moment verstummt. Ich schloss meine Augen und lauschte dem Wind.

Zweiter Tag – Über Datteln

Hitze und Schlaf vertragen sich nicht gut. Vor Sieben war ich wach und bald gesellte sich Mohammad auf dem Hausdach zu mir, während meine Augen immer wieder zufielen. Einen Moment lang schauten wir schweigend in den Morgen, dann gab mir Mohammad meine erste richtige Aufgabe – Datteln pflücken. Schon in Wadi Musa hatte ich erfahren, dass es nicht nur eins, sondern drei arabische Wörter für “Dattel” gibt, die jeweils unterschiedliche Reifestadien beschreiben. Auch wenn es im jordanischen Dialekt häufig mehr als ein Wort für einen Gegenstand, scheinen mir diese vielen, so spezifischen Wörter ein Hinweis auf die Bedeutung von Dtteln in der Region zu sein. Heute ging es also daran, von der empfindlichsten Sorte die reifen Feigen abzupflücken. Damit möglichst wenige Schädlinge an sie herankommen, sind die Bündel in Moskitonetze eingepackt – interessante Alternative zum Gift draufsprühen! Die reifen Datteln sind hellbraun, zuckersüß und zergehen auf der Zunge. Am Anfang fiel es mir schwer, zu glauben, dass ich sie wirklich gerade erst vom Baum gepflückt habe, diesen Geschmack und Textur erinnert mich stark an getrocknete Früchte. Aber viel besser als das, was ich aus Deutschland unter Datteln kenne! Diese Sorte muss so vorsichtig behandelt werden, dass es nicht möglich ist, sie weite Stecken zu transportieren.  Es wird wahrscheinlich noch eine Weile dauern, bis ich die ganzen Arten voneinander unterscheiden kann, auch wenn Mohammad bei jeder neuen Sorte den Namen und den Empfindlichkeitsgrad erwähnt. Wir bekamen dann heute wieder Besuch von einem Mann und einer Frau, die Datteln kaufen wollten. Bis ich verstand, warum sie bei uns vorbeischauten und mit uns Kaffee tranken, dauerte es aber eine ganze Weile. Danach fuhren wir in die Stadt, um Verpackungen für die Datteln, Falafel und Hummus für uns zu besorgen. Zurück auf der Rainbow Farm nahmen wir erstmal ein ausgiebiges Frühstück ein, dann machte ich mich daran, die Datteln verkaufsbereit herzurichten. Damit die kostbaren Früchte keinen Schaden nahmen, brachten wir sie dafür in einem Raum mit Air Conditioner – ein Luxus, der sich unglaublich gut anfühlte. Später holten wir Kelsey, eine weitere Freiwillige aus den USA ab, die eine Woche hier sein wird. Genau wie ich hat sie jetzt drei Wochen in Jordanien verbracht und es ist interessant, ihre Geschichten von den Orten zu hören, die ich auch besucht habe oder  fast gesehen hätte. Abends schauten wir “Leg dich nicht mit Zohan an”, aber ich war so müde, dass meine Augen immer wieder von selbst zufielen.

Dritter Tag – die Taufe

Heute bin ich erst gegen acht aufgewacht. Das ist ein gutes Zeichen, denn es bedeutet, dass es weniger warm ist.
Aber deshalb blieb nicht viel Zeit,  mehr Datteln zu ernten, bis die nachmittägliche Hitze einzog und alles lähmte. Wir fuhren mit dem  Auto durch die Gegend, ein paar Besorgungen machen und hielten vor einem großen Gebäude. Nach dem, was die Männer, die drinnen im schicken Empfangsraum saßen und uns auf einen Kaffee einluden, erzählten, war es eine Art Schullandheim. Sie verstanden nicht ganz, warum so viele Menschen aus der ganzen Welt zum Peace Valley kommen, um dort unentgeltlich zu arbeiten und so versuchte ich, es auf Arabisch zu erklären. Nachdem Mohammad auch noch seine Sichte auf Freiwillige geschildert hatte, wollten sie auch gerne auf Workaway registriert werden.

Als wir wieder zurück waren,  fiel Mohammad ein, dass er noch gar nicht sein Lieblingsritual mit uns durchgeführt hatte: Die (zweite) Taufe. Weil Nir aufgrund einiger Komplikationen  mit der Software weiterhin damit beschäftigt war, das Video zu schneiden, gingen zuerst nur Kelsy, er und ich zu dem Swimmingspool, der sich in der Mitte des Geländes befindet und der gerade leerstand.  Mohammad drehte die Pumpe auf, sodass Wasser aus dem Rohr, das ins Becken führte, fließen konnte und wir erfuhren wieder einmal, wie geschichtsträchtig die Gegend hier ist. Im Umkreis von weniger als 50 Kilometern, so erklärte Mohammad, seien die Orte, wo Jesus getauft wurde, Moses das gelobte Land erblickte und Mohammad in den Himmel fuhr. Eine räumliche Nähe dieser in den drei monotheistischen Weltreligionen so relevanten Personen, die es sonst nirgendwo gibt. Dann fing er das Wasser mit den Händen auf und schüttete es über unsere Köpfe, während er uns auf arabisch segnete. Sich unter den kalten Strom  zu setzen war ein Genuss und bald gesellte sich Nir zu uns. Wir legten uns auf die Schräge, auf der das Wasser in den tieferen Teil des Beckens  hinunterfloss und  waren uns einig, dass es uns unerhört gut ging.
Wie jeden Abend seit meiner Ankunft schauten auch heute wieder Freunde vorbei. Eigentlich hatten wir geplant, draußen bei Lagerfeuer zu essen, aber dann siegte die Bequemlichkeit und so speisten wir drinnen.  Dabei benutzten wir wie immer das Brot als Besteck, mit denen wir das Essen von den Gemeinschaftstellern in den Mund schoben. Mohammad erzählte, dass seine Dattelfarm die Erste in der Gegend war und er vorher sieben andere Start-Ups gegründet hatte. Dann zeigte er uns einige animierte Kurzfilme, die in seiner einen Firma entstanden waren und die bei xz, einem rennomierten Kurzfilmwettbewerb in Frankreich nominiert worden waren. (URL-Link)

Vierter Tag – Mohammads Pioniergeist

Heute hat sich die Besetzung im Peace Valley geändert. Während Nir für zwei Tage zurück nach Israel gefahren ist, kam Nachmittags eine französisches Paar mit drei Kindern zwischen 18 Monaten und acht Jahren, die ein Jahr lang durch die Welt reisen und durch Workaway Erfahrungen und Wissen ansammeln möchten. Ich bin sehr gespannt, wie es sein wird, eine Woche auf engen Raum mit einer Familie zu verbringen. Mohammad war auch heute nach Amman gefahren, um einige Dinge zu erledigen, aber dafür kriegten wir Besuch von einem Nachbar, den wir in den letzten Tagen schon häufiger gesehen hatten und der uns in sein Haus mit Swimming Pool einlud. Nach der sehr guten Pool-Erfahrung von gestern sagten wir nicht nein. Das Haus war wirklich beeindruckend. Es war auf einem dieser großen Grundstücke mit hoher Mauer und sich automatisch  öffnendem Tor. Wir stiegen aus dem Auto und sahen zwei Meter gro Wellensittiche, verschiedene Arten von Hühnern, Schafe und Ziegen zu sehen.  und gerade die Kinder freuten sich, in dem Schwimmbecken rumplanschen zu können. Dieser Pool war  wenn auch nicht größer, so doch bis zum Beckenrand mit Wasser gefüllt, hatte einen Whirlpool und Lichter, die bei Dunkelheit in den verschiedensten Farben leuchteten. Ich entdeckte eine seit der Grundschulszeit verlorene Begeisterung fürs Tauchen wieder und auch abgesehen davon war es eine gelungene Nachmittagsbeschäftigung. Als es dunkel wurde, wurden wir ins Haus gebeten und bekamen nach einem Rundgang durch die vielen Schlaf- und Badezimmer Essen aufgetischt. Es hat eine Weile gedauert, bis ich verständlich machen konnte, warum ich sein liebevoll aufgezogenes und nun geschlachtetes Lamm nicht essen wollte, aber das lag an Kommunikationsproblemen. Sobald das Wort “vegetarian” fiel, wusste er Bescheid.
Wie so häufig endete auch dieser Tag auf dem Hausdach, auf dem zu schlafen ich inzwischen gewöhnt bin. Der Blick auf den Grenzübergang und die Städte Jericho (in Palästina) und Jerusalem wird mir bestimmt auch nach meinem Aufenthalt hier im Gedächtnis bleiben.

Fünfter Tag  – Besuch am Toten Meer

Auch diesen Vormittag fuhr Mohammad nach Amman und gab uns vorher ein paar Aufgaben zu tun. Hauptsächlich ging es darum, die Umgebung der Dattelbäume vonm Unkraut zu befreien – eine wahre Sisyphos-Aufgabe. Aber ich verbrachte auch einiges an Zeit damit, von A über D und C nach B zu laufen und nie genau das zu finden, was ich suchte. Ich war gerade am Schach spielen mit dem Sohn der Familie, als ein Auto vor Mohammads Haus hielt. Sein Neffe hatte Besuch aus dem Libanon und zeigte ihm die Gegend. Weil sie noch zwei Plätze im Auto frei hatten, nahmen sie Kelsy und mich zu ihrem nächsten Stop mit: Das tote Meer. Wir mussten Eintritt bezahlen und sahen dann eine noch pompöseren Schwimmgelegenheit  als gestern. Es gab zwei große Becken mit Strudeln, Fontänen und diversen anderen Spielerein, außerdem führte eine Treppe hinab zum Meer. Jede Menge Menschen  versuchten  sich hier die Hitze erträglich zu gestalten, viele Männer und auch einige Frauen planschten im Wasser. Im salzigsten Meer der Erde zu baden fühlte sich genauso an, wie es mir andere Menschen beschrieben hatten: Die zahlreichen kleinen Kratzer auf der der Haut begannen zu brennen und tatsächliches Schwimmen war unmöglich, aber auf dem Rücken im Wasser zu liegen und einfach nicht unterzugehen machte durchaus Spaß und nach einer Runde im Schlamm fühlte sich meine Haut tatsächlich ein ganzen Stück weicher an. Nach der Dusche schwammen wir noch eine Runde in den besagten Pools und dann ging es auch schon wieder nach Hause. Während der Autofahrt stellten Kelsy und ich fest, dass sich unsere Zeit hier mehr wie Urlaub als wie Workaway anfühlte, vor allem beim nachherigen Aufschreiben der Tage in diesen Blog kommt es mir so vor. Am Abend kamen drei von Mohammads Schwestern, von denen eine gerade aus den USA zum Besuch da war. Es gab für alle leckeres Essen aus dem Holzofen draußen und ich wurde ein bisschen an die Zusammentreffen meiner Familie erinnert – nur dass die länger ausufern.

Sechster Tag

Ein Besuch in South Shuneh zum Einkaufen geht oft damit einher, bei Bekanntschaften von Mohammad vorbeizuschauen. Heute landeten wir nach dem Gemüse kaufen bei jemanden, dessen Gesicht wir bereits von Plakaten am Straßenrand kannten. In ein paar Wochen sind die jordanischen Parlamentswahlen und er kandidiert für diesen Bezirk. Bei einem Kaffee erfuhren wir, dass in seiner Familie Politik und Diplomatie Tradition hatte. Sein Onkel war der jordanische Botschafter in Deutschland,  als der Regierungssitz noch in Bonn war und so kannte  er von Verwandschaftsbesuchen Westdeutschland gut. Abends kochten wir wieder im Ofen, dieses Mal Ofenkartoffeln und Auberginen, aus denen ich dann Baba Ganoush fabrizierte. Das Essen brauchte ewig, um gar zu werden, dafür schmeckte es dann umso besser.